Landesgymnasium für Hochbegabte Schwäbisch Gmünd
 


09.11.2012: Stelen auf dem Campusgelände




SCHWÄBISCH GMÜND (hs). Auch bei diesem Campusrundgang handelt es sich wieder um ein „geniales Projekt“ (Bürgermeister Bläse) von einer Vielzahl von engagierten und geschichtsinteressierten Schülerinnen und Schülern des Landesgymnasiums, das nun nach der Zwischenepisode mit der University of Maryland auf dem denkmalgeschützten Kasernenareal sein Domizil gefunden hat. Nachdem Lehrer und Schüler die spannende bis weltbewegende und teils auch sehr traurige Geschichte ihrer Schulimmobilie entdeckt hatten, entwickelten sie seit zweieinhalb Jahren das Campusmuseum, welches im Frühjahr die Pforten öffnete. Dieses soll nun zu einem Lern– und Begegnungsort vor allem für Schulklassen aus der ganzen Region weiter ausgebaut werden, so die hochmotivierte Ankündigung von Sebastian Schick, der kurz vor dem Abi steht und zu den fleißigsten Machern der beiden Geschichtsprojekte gehört. Annette von Manteuffel, Leiterin des LGH, begrüßte die Gäste in der Aula. Es sei wichtig, zu erfahren, wie „uns die Orte an denen wir leben und arbeiten prägen“, um damit auch den Lernort Schule zu gestalten. Was den Geschichtsunterricht betrifft, so sei das Landesgymnasium auf einem historischen Boden angesiedelt, von dem in Zeiten des Kalten Kriegs sowohl eine unglaubliche Bedrohung als auch Abschreckung, mithin wiederum Schutz gegen diese Bedrohung ausgegangen sei. Sie beschrieb damit die damalige Kommandozentrale für die auf drei Stationierungsorte verteilten Pershing-II-Atomraketen. Der heutige Campus erzähle auch im Zusammenhang mit dem 25. Jahrestag des INF-Abrüstungsvertrags, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit sei, sondern immer wieder aufs Neue erarbeitet werden müsse. Bürgermeister Dr. Joachim Bläse beschrieb die wechselvolle Geschichte der ehemaligen Bismarckkaserne in ihrer 100 Jahre umfassenden Spannbreite und als Spiegelbild von vielen nationalen und globalen Ereignissen, vor allem von unfassbaren Kriegstragödien. „Wir können nur für die Zukunft lernen, wenn wir auch die Vergangenheit kennen“, so betonte er. Campusmuseum und der neue Campusrundgang seien „Geschichtsunterricht hautnah“ und „echt geniale Ideen“. 200 Jahre lang hätten die Soldaten bauliche, wirtschaftliche und auch kulturelle Entwicklungen in Schwäbisch Gmünd geprägt. Und heute? Dr. Bläse zeigte sich richtig stolz, dass das Landesgymnasium mit Internat mit so vielen engagierten, verantwortungsvollen und ideenreichen jungen Leuten fester Teil der Stadt geworden sei. Annette von Manteuffel dankte vielen Unterstützern der beiden Projekte, so auch der Dietenberger-Stiftung, vertreten durch Historiker Werner Debler, und namentlich auch RZ-Redakteur Heino Schütte, der die Projektgruppen als ortskundiger Zeitzeuge seit mehr als zwei Jahren bei Exkursionen und mit vielen Dokumenten aus seiner Sammlung begleitet hat. Der neue Geschichtspfad geht nun einige Schritte weiter, ist geprägt von zeitintensiver und exakter Archiv– und Interviewarbeit der Schüler. Das Ergebnis ist nun in der Lage, mit Gerüchten und oft verklärten Berichten aus der Zeit des Kalten Kriegs aufzuräumen und neuen Spuren nachzugehen. Ursache der Verklärungen, so stellt Campus-Chefhistoriker Sebastian Schick fest, sei nicht zuletzt die Geheimniskrämerei in jener Epoche gewesen. So gab es beispielsweise niemals ein Bunkersystem auf dem Kasernengelände, ebenso nicht den legendären „roten Raketenknopf“ auf dem Pult von Pershing-General Haddock. Krisenszenarien und Befehlsstrukturen waren ‘-zigfach‘ abgesichert. Bei der Forschungsarbeit im Zeitraum des Zweiten Weltkriegs stießen die Schüler sogar erstmals auf einen tragischen Selbstmordfall einer Offiziersfamilie, der möglicherweise im Zusammenhang der Widerstandbewegung und des Stauffenberg-Attentats gegen Adolf Hitler stehen könnte. Die größte Betroffenheit entstand wohl bei den genauen Ermittlungen der furchtbaren Opferzahlen von Einheiten, die in den Weltkriegen aus der Garnisonsstadt Gmünd mit Pauken und Trompeten „ins Feld“ zogen, wie es damals so harmlos bezeichnet wurde. Aus dem „Feld“ wurde in Frankreich oder Russland nichts anderes als ein grauenvolles Massengrab.
Rems-Zeitung, Schwäbisch Gmünd, 10.11.2012



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