Landesgymnasium für Hochbegabte Schwäbisch Gmünd
 


Lehreraustausch mit dem Lycée Duplessis-Mornay in Saumur

Zwei Wochen Frankreich pur an der westlichen Loire

Bericht aus einem wunderbaren Land und von einer beeindruckenden Schule




Die Möglichkeit den eigenen Berufsalltag als Lehrer, in meinem Fall für Französisch, Deutsch und Gk/Wirtschaft am Landesgymnasium für Hochbegabte, mit dem des Partners, Deutschlehrerin am Lycée Duplessis-Mornay, zu spiegeln - und - im besten Sinne zu reflektieren und zu vergleichen, ist eine großartige Möglichkeit der Selbstvergewisserung über das eigene Handeln, ein Prozess, bei dem kreativer Zweifel und die Bereitschaft eigene, scheinbar unverrückbare Positionen zu hinterfragen, unabdingbare Voraussetzungen sind.
Der Schulalltag…
hat in Frankreich die Form einer Ganztagsschule, 8-18 Uhr, und findet in Unterrichtseinheiten von 55 Minuten statt. Kernverfahren ist in vielen Fächern der ‚cours magistral‘, das Format Vorlesung, bei dem der Lehrer seinen Stoff diktiert und die Schüler schreiben, unterbrochen von sehr wenigen, oft rhetorischen Fragen, die eine sofortige Reproduktion von Wissen fordern und keinen echten Dialog darstellen. Dieses sehr frontale Verfahren, das vor allem in histoire/géo, économie, EMC, aber auch im Fach Französisch und den Naturwissenschaften vorherrscht und zudem in allen anderen Fächern eine wichtige Rolle spielt, war für mich in den ersten Tagen meiner Hospitationen der fühlbar auffälligste Unterschied im Vergleich mit meiner eigenen Unterrichtspraxis.
Dabei wird den französischen Schülern suggeriert, dass es nur die eine richtige Lösung gäbe, die man lernen muss, um Erfolg zu haben, was indessen gerade in den Geisteswissenschaften, zumindest bei komplexeren, diskursiven Zusammenhängen und Fragestellungen, generell eine kurzschlüssige Annahme darstellt, andererseits aber das Leben und die Sicht auf die Dinge deutlich vereinfacht.
Ganz positiv war jedenfalls die durchgängige Bereitschaft der hospitierten Kollegen, ihren Unterricht mit mir zu diskutieren verbunden mit der Neugierde danach, wie ich selbst unterrichte und wie wir das denn generell in Deutschland machten. Diese Gespräche waren in aller Regel die interessantesten und führten auf beiden Seiten zu neuen Ideen und Ansätzen. Einverständnis herrschte darüber, dass eine gepflegte Gesprächskultur gerade in den `sciences sociales et humaines‘ eigentlich unabdingbar sei.
Auf meine Frage nach den Gründen für die Dominanz des `cours magistral‘ war die häufigste Antwort: „Es liegt an der fehlenden Zeit, denn sonst schaffe ich den Stoff nicht“.
Der curriculare Druck, der auf den Lehrern lastet, ist entsprechend hoch und vergleichbar mit den Anforderungen in Deutschland - bei allem Föderalismus - nach möglichster Vollständigkeit bei der Erledigung der Stoffverteilung im Jahresplan.
Eine deutliche Ausnahme bildeten die lebenden Fremdsprachen, darunter insbesondere das Fach Deutsch sowie die ‘section européenne‘ im Fach Englisch. Methodisch bunte und funktional schlüssige Methodenvielfalt, ohne dabei auf den Lehrervortrag zu verzichten, Diskussionsfreude, Gruppenarbeit und kreativ-produktive Arbeitsformen standen im Vordergrund und die Motivation der Schüler erschien deutlich höher als im reinen Frontalunterricht. Dass dennoch eine hohe Hürde beim Sprechen der Fremdsprache erkennbar ist (timidité), liegt vielleicht wirklich an der verbreiteten Furcht davor, eventuell etwas Falsches zu sagen, verständlich, wenn es im Grundverständnis nur e i n e Lösung geben kann (s.o.) Diese Sprechangst gibt es übrigens auch, wenn vielleicht auch weniger verbreitet, in Deutschland. Bereits in der Mitte der ersten Woche meines Aufenthaltes wurde dennoch deutlich, dass es bei Weitem nicht nur die Unterrichtsverfahren und -methoden sind, die den Ausschlag für das Gelingen oder Nichtgelingen guten Unterrichts geben. Vielmehr spielen auch Fachkompetenz, die Lehrerpersönlichkeit und deren Haltung gegenüber den Schülern eine zentrale Rolle für das Gelingen von Unterricht. Wie auch in Deutschland gilt in Frankreich: Auf den Lehrer kommt es an! Und – Lehrerpersönlichkeiten, Fachkompetenz und Hinwendung zu den Schülern sind am Lycée Duplessis-Mornay weithin verbreitet und bilden daher ein starkes Gegengewicht zur beschriebenen methodischen Monokultur des ‘cours magistral‘. Und - wie aus der Metastudie John Hatties „Visible Learning“ deutlich wird: „ Die eigentliche Herausforderung im Unterricht besteht darin zu wissen, welche Auswirkungen das Lehrerhandeln im Klassenzimmer hat.“ Dieses Bewusstsein allerdings war bei vielen Kollegen des Lycée Duplessis-Mornay ausgeprägt vorhanden und wird eingeschränkt durch bekannte und verbreitete Hindernisse wie enorme Klassengrößen, Stofffülle, Stundenzuweisung und daraus möglicherweise resultierender Unlust auf Lehrer- und Schülerseite.
Zum praktischen Ablauf ist zu ergänzen, dass ich pro Woche ca. 24 Stunden bei Hospitationen verbrachte und dabei auch, an jeweils einem Tag der Woche, einen Lehrer und eine Klasse ganztägig begleitete.
Kollegium und Ambiente
Das Kollegium der Schule war aufgeschlossen und höchst interessiert an einem Gedankenaustausch mit dem deutschen Kollegen, was im Gespräch weit über rein schulische Dinge hinausging und nahezu sämtliche Facetten interkulturellen Austauschs umfasste.
Ich wurde in kurzer Zeit sehr freundlich in meiner Sonderrolle in das Kollegium integriert und auch in Gesprächen mit dem Schulleiter. M. Carbonnier und seinem Stellvertreter M. Lenoir wurde ersichtlich, dass sie den Stellenwert dieses Lehreraustauschs sehr hoch einschätzten.
Die Tatsache, dass ich als Gast – zum besseren Verständnis der Schulabläufe insgesamt – zur Teilnahme am Conseil d’Administration eingeladen wurde, dürfte dies unterstreichen.
Kulturelles Leben
Auffällig war die starke Ausprägung des kulturellen Lebens an dieser quicklebendigen Schule, in den 14 Tagen meines Aufenthaltes gab es einen Theaterbesuch, von Victor Hugo, inszeniert im Stadttheater Saumurs, eine Schuleraufführung von Alfred Jarrys "Ubu Roi" sowie eine "Soirée récréative", eine Art bunter Schulabend mit Beiträgen von Schülern und Lehrern. Hinzu kommen die regelmäßigen Ausstellungen des Bereichs "Arts plastiques", wobei zu sagen ist, dass gerade der Bereich Kunst an dieser Schule eine besonders starke Ausprägung hat. Auch den Unterricht in Kunst und Philosophie habe ich mit großem Interesse und Empathie verfolgt.
Fazit
Es soll ja Orte geben, an die man sich besonders gerne erinnert, um bald wiederzukommen oder dorthin zurückzukehren. Seit meinem Besuch in Saumur, gehören dieses hübsche Städtchen an der Loire und das gut geführte Lycée Duplessis-Mornay mit seinen ca. 800 Schülern und einem bemerkenswerten Kollegium zweifelsfrei dazu. Die Herzlichkeit der Aufnahme, die Offenheit in den Gesprächen und im Umgang, ein tolles Gebäude mit Schlosskulisse, Kantine und Internat, vor allem aber das gegenseitige Verständnis nicht nur persönlicher Natur, sondern auch und gerade das Verstehen der Unterschiede in beiden Schulsystem und im Alltag der beiden Schulen, sind für mich persönlich eine wertvolle interkulturelle Erfahrung, die positive Auswirkungen auf meinen Unterricht und das - ohnehin schon gute - Verhältnis zum Nachbarn Frankreich mit sich bringt.
Das praktische Ergebnis des Lehreraustausches ist im Übrigen ein Schüleraustausch der beiden Schulen, dessen erster Teil bereits mit dem Besuch der französischen Schüler in Schwäbisch Gmünd im Februar/März 2016 stattgefunden hat. Der Gegenbesuch wird Ende Mai /Juni 2016 insgesamt 25 meiner Schüler nach Saumur führen.
Ein regelmäßiger Austausch alle zwei Jahre ist bereits festgeschrieben.
Thomas Schäfer/Kollegium



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